Der Check-In-Prozess kann für Passagiere mitunter als sehr zeitraubend und belastend empfunden werden. Für die Fluggesellschaften ist er vor allem eins: Teuer. Das liegt in erster Linie an den Personalkosten. Zu Stoßzeiten beschäftigt Lufthansa allein am Frankfurter Flughafen immer noch Dutzende von Check-In-Mitarbeitern, die den nicht endend wollenden Schlangen vor dem Check-In-Schalter versuchen, Herr zu werden. Hinzu kommt Flughafenpersonal, das bereits im Vorfeld versucht, durch Befragungen herauszufinden, ob die Passagiere nicht in der falschen Schlange anstehen. Auch stellen zahlreiche Fluggesellschaften Mitarbeiter ab, die besonders die weiter hinten stehenden Passagiere ansprechen, um diese zu bitten, doch einen der zahlreichen Check-In-Automaten zu nutzen. Dort wiederum warten freundliche Damen, um den Passagieren die letzte Scheu vor dem Automaten-Check-In zu nehmen. Jahrelang war man gewohnt, sich in die Schlange einzureihen. Doch ein Großteil dieser Tätigkeit übernimmt nun der Automat. Das Gepäck kann man selbst mit einem Label versehen, das man über den Automat ausdruckt. Dann befestigt man dieses am Koffer und dieser verschwindet automatisch im Schacht.

Geschäftsreisende, die regelmäßig fliegen, müssen nicht mehr von der Zeitersparnis überzeugt werden. Diese nutzen das Internet, um sich mit den Buchungsdaten am eigenen PC zu Hause oder im Büro mittels Online Check-in bequem einzuchecken. Besonders bei sehr frühen Abflügen kann so viel wertvolle Zeit gespart werden.

Nach Online Check-In erkrankt

Das Boarding-in beginnt

Das Boarding-in beginnt

Dies tat auch ein Münchener Fluggast in Erwartung einer Reise nach Santo Domingo. Doch nach Ausdruck des Boarding Passes am eigenen PC erkrankte der Passagier und konnte seine Reise nicht antreten. Das Versicherungsunternehmen, bei dem der Münchener vorsorglich eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen hatte, lehnte eine Erstattung der Stornokosten mit der Begründung ab, dass die Reise bei erfolgtem Check-In bereits als angetreten gelte. Das sahen die Richter am Münchener Amtsgericht anders (Gerichtsurteil Az.: 171 C 18960/13). Da die meisten Fluggesellschaften einen Online Check-in bis zu 23 Stunden vor Abflug vorsehen, könne bei dieser langen Zeitspanne zwischen Check-In und Abheben des Flugzeuges vom Rollfeld nicht von einem Reiseantritt gesprochen werden.

Hinzu kommt, dass die Richter es als erwiesen sahen, dass das Online Check-In in erster Linie eine Einrichtung der Fluggesellschaften ist, die den Passagieren Aufgaben aufbürdet, die sie eigentlich selbst hätten erfüllen müssen. So müssen die Passagiere über eine Eingabemaske Ihre Buchungsdaten selbst eingeben und auch eine Wahl des Sitzplatzes vornehmen – alles Aufgaben, die naturgemäß dem Check-In-Personal vorbehalten waren. Die Passagiere können also nicht für Effizienzbestrebungen der Fluggesellschaften haftbar gemacht werden. Mit dem Online Check-in hat sich zudem der Check-In-Prozess insgesamt in mehrere zeitlich voneinander getrennte Abschnitte unterteilt, nämlich:

  1. Dem Online Check-in, das 23 Stunden vorher ausgeführt werden kann. Dabei bestätigt der Passagier seine Absicht, die Reise anhand der Buchungsdaten anzutreten. Zudem wird eine Sitzplatzauswahl durchgeführt. Nach dem Online-Check-In ist zudem keine Umbuchung des Tickets mehr möglich.
  2. Dem Vor-Ort-Check-in in unmittelbar vor Abflug, bei dem das Reisedokument vorgelegt wird und das Gepäck eingecheckt wird. Die Check-In-Schalter werden in der Regel erst wenige Stunden vor Abflug geöffnet.
  3. Der Sicherheits-Überprüfung
  4. Dem Boarding-in, bei dem der Passagier mit seiner Boarding-Karte das Flugzeug besteigt. Diesen Zeitpunkt, der, je nachdem, ob es sich dabei um einen Lang- oder Kurzstreckenflug handelt, innerhalb von 30 bis 60 Minuten vor Abflug durchgeführt wird, bestimmten die Münchener Amtsrichter vorerst als faktischen Reiseantritt.

Ob nun tatsächlich durch Aushändigung des Boarding-Passes die Reise als angetreten gilt, ist indes trotz dieses Gerichtsurteils immer noch nicht sicher. Entscheidend ist wohl auch die Flugbereitschaft des Passagiers, die durch seine Anwesenheit am Flughafen gegeben ist, nicht aber auf dem heimischen Sofa oder im Büro. Wahrscheinlich mangelt es auch an Präzedenzfällen in der Praxis, die eine noch genauere Definition des Reiseantritts notwendig hätten machen müssen. Doch können Passagiere schon mal aufatmen, dass sie in der Wohnung oder im Büro mit Sicherheit noch nicht ihre Reise angetreten haben.

Wenn die Bahn Verspätung hat

Die Bahn kann Flugverspätungen verursachen

Die Bahn kann Flugverspätungen verursachen

Das Gerichtsurteil der Münchener Richter ist auch aus einem anderen Grund wichtig. Die meisten Versicherer schützen auch vor Verspätungen des öffentlichen Nahverkehrs. Wer sich von zu Hause online eincheckt, befindet sich noch lange nicht am Flughafen. Dazwischen können sich quälend lange Stunden und Minuten in öffentlichen Verkehrsmitteln befinden. Wer die Bahn öfter nutzt, weiß um die Tücken dieses Transportmittels: Gleissperrungen wegen Personenschaden, Stellwerksstörungen oder auch Streiks haben schon so manchen Reisetraum im Vorfeld zerplatzen lassen. Wichtig ist dabei, dass die dadurch verursachte Verspätung länger als zwei Stunden beträgt. Es ist also ratsam, seine Anreise zum Flughafen so zu gestalten, dass sie insgesamt vier Stunden Puffer haben. Planen Sie lieber einen Besuch der Flughafenbar oder des Duty Free Shops ein, anstatt wegen zu knapper Zeitkalkulation ihrer Versicherungsansprüche verlustig zu werden. Die Münchener Richter werden auch diesen Aspekt vor Augen gehabt haben. Hätten Sie Online-Check-In als Reiseantritt anerkannt, wäre ein wichtiger Rücktrittsgrund, nämlich die Verspätung durch Bahnanreise, entfallen.

Wann ist Reiserücktrittsversicherung wichtig?

Fünfköpfige Familie = hohes Rücktrittsrisiko

Fünfköpfige Familie = hohes Rücktrittsrisiko

Generell gilt: Wer eine Reiserücktrittsversicherung abschließt, sollte vorher grob die zu erwartenden Stornokosten überschlagen und zudem das Rücktrittsrisiko abschätzen können. Dabei ist zu beachten, dass nicht nur sehr teure Reisen, wie zum Beispiel Kreuzfahrten oder Studienreisen hohe Kosten im Kündigungsfall verursachen können, sondern auch besonders günstige Flüge, deren Tarife nicht oder nur zu sehr hohen Kosten umbuchbar sind. Jeder Mitreisende potenziert zudem das Stornorisiko. Eine vierköpfige Familie hat also nicht nur ein um den Faktor vier höheres Risiko, von der Reise zurücktreten zu müssen, als dies beispielsweise bei einem Alleinreisenden der Fall ist – wenn man die Verwandtschaft hinzurechnet, liegt der Risikofaktor weitaus höher. Dabei sind nicht nur Krankheitsfälle der versicherten Personen – oder auch schwere Erkrankungen in der Verwandtschaft – versichert. Je nach Tarif sind in der Regel auch häusliche Vermögensschäden, Arbeitslosigkeit oder Vorladungen vor Gericht abgesichert.

In Kürze:

  • Fluggesellschaften versuchen mit Online Check-in, Zeit und Personal einzusparen
  • Alle Abläufe, inklusive Kofferabgabe sind an großen Flughäfen bereits automatisiert
  • Auch Vorabend-Check-in ist vor Abflug möglich
  • Amtsgericht München: Reise gilt bei Online Check-in noch nicht als angetreten
  • Bahnverspätungen sind ebenfalls als Reiserücktrittsgrund anerkannt
  • Am ehesten sollten teure Reisen, Flüge mit unflexiblen Tarifen und Reisen mit vielen Reiseteilnehmern abgesichert werden